Autor: Tobias Goldschmidt, Minister für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein (u. a. zuständig für die Entwicklungszusammenarbeit von Schleswig-Holstein)
Saubere und bezahlbare Energie für alle – Die Grundlage für ein gerechteres Leben und Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen
Energie ist für viele von uns so selbstverständlich, dass wir kaum darüber nachdenken. Wir schalten morgens das Licht an, laden unser Smartphone, fahren mit Bus oder Bahn zur Schule, zur Ausbildung oder zur Arbeit. Wir heizen unsere Wohnungen, kühlen Lebensmittel und speichern Fotos und Erinnerungen. Jeder Gegenstand, den wir nutzen, musste hergestellt und dann zu uns transportiert werden. Historisch kam der Antrieb für all diese Aktivitäten ausschließlich aus Fossilen, befeuerte also nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Klimakrise.
Andererseits leben laut WHO 655 Millionen Menschen immer noch gänzlich ohne Zugang zu Elektrizität. Das heißt, auch ganz Grundsätzliches wie Essenszubereitung oder medizinische Versorgung muss ohne Strom bewerkstelligt werden. Beim Kochen sind es noch mehr: Etwa ein Viertel der Menschheit muss noch auf gesundheits- und umweltverschmutzende Erhitzungsmethoden setzen wie beispielsweise Holzkohle. Das siebte Ziel für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen adressiert bewusst beides: „Bezahlbare und saubere Energie“ für alle bis 2030. Der Ausbau von Erneuerbaren Energien und Netzen ist der Schlüssel für dieses Ziel, weltweit.
In Deutschland und vielen anderen Industrienationen ist das gleichbedeutend mit einem Umstieg, einem Systemwechsel, von fossil auf elektrisch. Das heißt, es reicht nicht, einfach mehr sauberen Strom zu produzieren – die gesamte Infrastruktur muss umgestellt werden: Batterie statt Benziner und Ladesäule statt Tankhahn, Wärmepumpe statt Gasheizung und vor allem Stromtrasse statt Gasleitung. Das ist natürlich mit Anstrengungen und Kosten verbunden, aber auch mit Chancen. Wer früher umsteigt, hat schon Erfahrungen, Wissen, Fähigkeiten und Fachkräfte, wenn die anderen nachziehen.
Mein Bundesland, Schleswig-Holstein, ist deshalb für die Energiewende in Deutschland interessant, weil wir genau diesen Weg zeitig eingeschlagen haben. Wir haben uns durch ein frühes Bekenntnis zur Energiewende in den letzten 30 Jahren zum Vorreiter entwickelt. Heute produzieren wir rechnerisch etwa doppelt so viel Strom im Jahr wie wir selbst verbrauchen und können einen Großteil der Zeit unseren Energiebedarf aus Erneuerbaren decken. Wir sind ein echtes Energiewende-Land und unser Ziel ist, das auch wirtschaftlich zu nutzen. Auf dem Weg zur Klimaneutralität müssen emissionsreiche Antriebsstoffe immer teurer werden. Der europäische Emissionshandel und die CO2-Bepreisung sind dafür Schlüssel-Instrumente, weil sie die externen Schadenskosten zum Teil ausgleichen. Erneuerbare Energien sind schon heute in der Erzeugung die günstigsten Energien. Jetzt gilt es, auch die Systemkosten zu adressieren, zum Beispiel durch Flexibilisierung und Netzentgeltreform. Wir können als Standort günstigen Strom und zukünftig auch Folgeprodukte wie grünen Wasserstoff mit geringem oder gar keinem Transportaufwand anbieten. So tun wir nicht nur etwas fürs Klima, sondern auch für die Wertschöpfung vor Ort.
Wie kommt es, dass die Energiewende bei uns zu einem verbindenden, identitätsstiftenden Projekt geworden ist, während andere Regionen sich schwerer tun? Zunächst haben wir einen besonderen Vorteil, den man nicht wirklich übertragen kann: Der Wind weht stark zwischen Nord und Ostsee und über den Offshore-Ausbau landet auch Energie aus dem Meer bei uns an. Als landwirtschaftlich geprägtes Gebiet haben wir außerdem gute Grundlagen für Solar, beispielsweise ergänzend zum Anbau auf Feldern oder Biomasse. Doch darüber hinaus gibt es auch vermeintlich weiche Faktoren, die auch andernorts gut funktionieren können: Die Energiewende war für uns immer schon ein Mitmachprojekt, eine Graswurzelbewegung. Neben größeren Investoren spielen bis heute Bürgerwindparks eine wichtige Rolle – jede und jeder kann sich beteiligen. Diese Kultur der Eigenproduktion führt zu Akzeptanz und setzt sich bis heute mit Balkonkraftwerken und PV auf dem Dach fort. Es profitieren also nicht nur einige wenige, sondern alle.
Das ist überhaupt das Besondere an Erneuerbaren Energien: Sonne und Wind gehören niemandem. Das Stromsystem auf ihnen aufzubauen, heißt, es zu demokratisieren. Und es bedeutet Unabhängigkeit. Gerade in den letzten Monaten wurde uns wieder deutlich vor Augen geführt, wie uns die fossile Abhängigkeit sicherheitspolitisch verletzlich macht und finanziell teuer zu stehen kommt. Wenn wir auf Nachhaltigkeit setzen, schlagen wir viele Fliegen mit einer Klappe.
Was braucht es also, damit der Umstieg nachhaltig gelingt? Wir im Norden werden unser Tempo beim Ausbau beibehalten. Wir wollen bis 2030 15 GW installierte Leistung an Land ausgebaut haben. Das entspricht 15 großen Kohlekraftwerken oder 15 kleinen Atomkraftwerken. Darüber hinaus werden Speicher und flexible Verbraucher immer wichtiger, weil Wind und Solarstrom nicht immer zum Verbrauchszeitpunkt entstehen. Der Ausbau leistungsfähiger Netze, die den Strom schnell dorthin bringen, wo er gebraucht wird, muss mit der Energiegewinnung Schritt halten. Insbesondere in der Nord-Süd-Verbindung steckt echtes Potenzial: Bei uns im Norden gibt es viel grünen Strom, im Süden die verbrauchsintensiven Industriezentren. Und natürlich spielt auch Effizienz eine Rolle. Wenn wir das gleiche Ergebnis mit weniger Energiebedarf erreichen können, weil Technik optimiert und wirkungsvoller wird, spart das Kosten und Bedarf an zusätzlichem Ausbau. Damit all das gelingt, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Für uns sind dabei Bundes- und EU-Recht besonders entscheidend. In diesen Tagen wird heiß diskutiert, wie eine Anschlusslösung für das Erneuerbare-Energien-Gesetz und der gesetzliche Rahmen zum Netzausbau aussehen soll. Das klingt abstrakt, wird aber ganz konkret wirken und darüber entscheiden, ob wir in das fossilfreie Zeitalter als Vorreiter und Technologieführer starten oder hinterherhecheln.
Eine Diskussion über Energie, die Fragen von Gerechtigkeit und Bezahlbarkeit außen vor lässt, ist unvollständig. Da alles Energie braucht, entweder bei der Benutzung oder zumindest bei der Herstellung, ist der Preis eine Frage der Teilhabe am guten Leben. Ich setze mich schon lange für ein Absenken der Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß für alle Verbraucherinnen und Verbraucher und eine Aufteilung der deutschen Stromzone ein, um die Kosten eines ineffizienten Marktes endlich abzuschütteln. Das sind aber im Vergleich nur kleinere Bausteine. Teuer wird es gerade auch deshalb, weil wir uns Doppelstrukturen von teurer Infrastruktur leisten und länger als nötig zweigleisig fahren: Während wir schon die Investitionskosten für Netzausbau und Erneuerbare als Gesellschaft stemmen müssen, sind wir gleichzeitig noch nicht so weit, dass wir uns von der fossilen Inflation und dem Betrieb von Infrastruktur, die der Vergangenheit angehört, entkoppeln. Je schneller wir den Umstieg schaffen, umso kürzer ist die Doppelbelastung. Und für die einzelnen Verbraucher müssen wir die Transformation ermöglichen, indem Förderungen einkommensdifferenziert ausgegeben werden – wie es die Ampel-Koalition für die Wärmepumpen eingeführt hat und wie es jetzt auch für E-Autos der Fall ist. Den eigenen Haushalt unabhängig machen zu können von Öl und Gas, darf nicht eine Frage des Geldbeutels sein. Dafür müssen die staatlichen Programme Sorge tragen.
Die Industrieländer des Westens haben das globale Klima binnen weniger Jahrzehnte in die Krise gestürzt. Deshalb ist es unsere Aufgabe, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen. Mit der Energiewende wollen wir zeigen, wie es geht. Die dafür erforderlichen Technologien sind dadurch deutlich preiswerter geworden und können so zur Erreichung des Nachhaltigkeitsziels „Bezahlbare und saubere Energie“ weltweit beitragen, auch in den Regionen, die besonders von der Klimakrise betroffen sind. Saubere und bezahlbare Energie für alle – das ist die Grundlage für ein gerechteres Leben und Wirtschaften innerhalb der planetaren Grenzen. Wenn wir mit der Natur arbeiten und nicht gegen sie, ist viel möglich. Lassen Sie es uns weiter gemeinsam angehen.