Autorin: Bundesministerin für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend Karin Prien
Stellen Sie sich eine Volkswirtschaft vor, in der jede und jeder eigene Talente entfalten und nutzen kann. Einen Arbeitsmarkt, in dem gleiche Qualifikation und gleiche Arbeit zu gleichem Lohn führen. Eine Gesellschaft, die keine Potenziale verschenkt, sondern bis in die Führungsetagen nach Kompetenz besetzt.
Das 5. Nachhaltigkeitsziel der Agenda 2030, die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung von Frauen und Mädchen, ist kein „Frauenthema“. Es ist eine Wachstumsstrategie, ein Innovationsprogramm und ein Demokratieversprechen.
Wenn Frauen frei von Gewalt leben, wirtschaftlich unabhängig sind und in allen Entscheidungspositionen vertreten sind, dann ist das eine verlässliche Basis für eine nachhaltige und resiliente Gesellschaft.
In meinem Ministerium sind diese Themen fest verankert – mit der neu dazugekommenen Verantwortlichkeit für Bildung umso mehr.
Frauenrechte sind Menschenrechte. Gleichstellung ist kein „nice-to-have“, sondern maßgebliche Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung in der Welt. Gesellschaften, in denen Frauen ihr Potenzial entfalten können, sind wirtschaftlich erfolgreicher, sozial gerechter und politisch stabiler. Zugleich ist für mich klar: Gleichstellung gelingt nur, wenn wir auch die Jungen und Männer als Verbündete mit ins Boot holen.
In der Agenda 2030 ist Gleichstellung nicht nur im 5. Nachhaltigkeitsziel verankert, sondern als Querschnittsaufgabe angelegt: etwa bei der Bekämpfung extremer Armut bei der Frage von Müttersterblichkeit oder der Geburtenrate bei Teenagern oder mit Blick auf Schulabschlüsse von Mädchen.
Wir schreiben das Jahr 2026. Bis 2030 bleibt nicht mehr viel Zeit. Aber noch hat kein Land die Nachhaltigkeitsziele erreicht, manche sind weit davon entfernt. Mehr noch: die Agenda 2030 wird von einigen Staaten offen in Frage gestellt, ebenso wie ihre Ziele, auch und gerade beim Thema Gleichstellung.
Wir brauchen eine echte Trendwende.
Für Deutschland bleibt die Agenda 2030 dabei eine wichtige Richtschnur. Drei Unterziele aus der Agenda sind mir besonders wichtig:
Gewalt gegen Frauen und Mädchen beenden: Ein Leben ohne Gewalt und Angst, aber mit verlässlichen Hilfsangeboten und konsequenter Strafverfolgung der Täter – das sind Grundbedingungen für Gleichstellung. Mit dem Gewalthilfegesetz haben wir einen Meilenstein erreicht: Erstmals besteht für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder ein Rechtsanspruch auf kostenfreien Schutz und Beratung. So schließen wir in Deutschland nun gemeinsam mit den Bundesländern in den nächsten Jahren Lücken im Netz der Frauenhäuser und Beratungsstellen. Und so entstehen endlich auch beim Schutz vor häuslicher Gewalt in allen Landesteilen gleichwertige Lebensverhältnisse. Um Gewalt zu verhindern, bevor sie entsteht, arbeitet mein Ministerium außerdem an einem Maßnahmenpaket zur Prävention von Gewalt an Frauen.
Gleichberechtigte Teilhabe am wirtschaftlichen Leben und gleiche Rechte auf wirtschaftliche Ressourcen: Wirtschaftliche Eigenständigkeit und finanzielle Unabhängigkeit sind Grundlage eines selbstbestimmten Lebens. Sie wirken als Hebel für Gleichstellung insgesamt, fördern Unabhängigkeit, Teilhabe und Selbstbestimmung. Dafür brauchen wir eine gute Infrastruktur für Kinderbetreuung und eine partnerschaftliche Aufteilung von Sorgearbeit. Wir im BMBFSFJ werden in den kommenden Jahren unter anderem massiv in Kitas und Schulen investieren. Außerdem werden wir das Elterngeld weiterentwickeln und darin mehr Anreize für Partnerschaftlichkeit setzen. Auch bei der gleichen Bezahlung von Frauen und Männern haben wir Fortschritte erzielt. Doch noch immer haben wir einen (unbereinigten) Gender Pay Gap von 16 Prozent. Diese Lücke ist ein weiteres Zeichen, dass wir mehr tun müssen, um das Potenzial der Hälfte unserer Bevölkerung besser zu fördern. Die Umsetzung der europäischen Entgelttransparenzrichtlinie soll helfen, diese Lücke zu schließen.
Chancengleichheit bei der Übernahme von Führungsrollen: Weltweit wird es bei derzeitigem Tempo 176 Jahre dauern, bis Frauen in Macht- und Führungspositionen am Arbeitsplatz gleichberechtigt vertreten sind. Aber auch in Deutschland sind wir noch nicht am Ziel. Immerhin zeigen verbindliche Vorgaben Wirkung: In der Wirtschaft konnten wir durch unsere gesetzlichen Regelungen mit Quoten, Berichtspflichten und Sanktionsmöglichkeiten eine deutliche Steigerung erreichen: Der Frauenanteil in Aufsichtsräten in den rund 100 Unternehmen, für die die fixe Quote gilt, hat sich seit 2015 fast verdoppelt – von 21 auf fast 39 Prozent. In den Vorständen dieser Unternehmen stieg der Anteil von 5 auf fast 23 Prozent.
Das macht Mut, aber Beharrlichkeit, Durchsetzungskraft und Durchhaltevermögen brauchen wir weiterhin. Wir sind bei der Gleichstellung noch lange nicht am Ziel. Aber wir haben die Hebel in der Hand und die nötige Ausdauer, das Ziel zu erreichen.
Als Bundesministerin für Bildung und Frauen bin ich überzeugt: Bildung ist ein entscheidender Hebel, um das 5. Nachhaltigkeitsziel zu erreichen. Das Bildungskonzept von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist ein Instrument, mit dem wir eine gerechte und resiliente Gesellschaft für das 21. Jahrhundert bauen.
Im Zentrum steht dabei die Förderung von Gestaltungskompetenz: die Fähigkeit, vorausschauend zu denken, interdisziplinär zu arbeiten, kritisch zu reflektieren und an den gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen zu partizipieren. Gerade für Gleichstellung ist dies essenziell. Wir stärken Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), auch um tief verwurzelte Rollenstereotype aufzubrechen und Gestaltungskompetenzen zu vermitteln, die zu gleichberechtigter Beteiligung an demokratischen Veränderungsprozessen befähigen.
In Deutschland und weltweit dürfen Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit kein Add-on sein, sondern sollten zum Kern von Unterricht, Material und Schulentwicklung werden. Unsere Aufgabe ist es, durch Bildung die Grundlagen für eine resiliente Gesellschaft zu schaffen, in der Chancengerechtigkeit und Gleichstellung selbstverständlich sind.
Auch das Wissen um die eigenen Rechte ist für mich eng verknüpft mit Bildung und Nachhaltigkeit. Denn um eigene Rechte einfordern zu können, muss man diese erst einmal kennen. In diesem Monat nehme ich an der 70. Frauenrechtskommission in New York teil, die dieses Jahr den Zugang zum Recht als Schwerpunktthema setzt. Zu diesem spannenden Thema -- aber auch zu weiteren Fragen mit Blick auf Gleichstellung und Frauenrechte -- werde ich mich in New York mit Expertinnen und Experten austauschen und neue Impulse nach Deutschland mitbringen.
Die Gesellschaft, die ich am Anfang skizziert habe – in der jede und jeder sein Potenzial entfalten kann und Gleichstellung selbstverständlich ist – ist kein Traum, sondern eine Aufgabe, die wir jetzt aktiv gestalten können.
Es liegt an uns, in Politik, Bildung und Gesellschaft, die Weichen zu stellen. Gleichstellung ist kein abstraktes Ziel, sie ist der Motor für eine nachhaltige, gerechte und resiliente Zukunft. Lassen Sie uns diese Verantwortung gemeinsam, entschlossen und mit Blick auf 2030 wahrnehmen.